225 Jahre Toleranzpatent - Evangelisches Museum OÖ Rutzenmoos

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

225 Jahre Toleranzpatent

Geschichte der Evangelischen in OÖ

Toleranzpatent von Kaiser Josef II am 13.Oktober 1781.

Vortrag am 18. Oktober 2006 anlässlich 225 Jahre Toleranzpatent


Mag. Hansjörg Eichmeyer
Superintendent i.R.

   Artikel downloaden


Mit dem Toleranzpatent von Kaiser Josef II am 13.10.1781 beginnt die zweite Kirchengeschichte der Evangelischen Kirche A.B und H.B. in Österreich.
Wenig in der Öffentlichkeit bekannt und darum auch ein Hauptthema des "Evangelischen Museums Oberösterreich" in Rutzenmoos ist die erste Periode unserer Kirche von 1520 bis 1624. Ich möchte zunächst darauf eingehen und mich wegen der Verschiedenheit der reformatorischen und gegenreformatorischen Ereignisse in der Monarchie bei der Darstellung dieser Zeit vor allem auf das Gebiet des heutigen Oberösterreich beschränken. Die Freude über dieses Toleranzpatent wird erst dann begreifbar, wenn man um die vorherige schwere Zeit weiß und diese bedenkt.

Bald nach Luthers Anschlag der Thesen (1517) wurde deren Inhalt auch in Österreich bekannt. Kaiser Ferdinand I stemmte sich von Anfang an gegen die neue Lehre. "Er wolle lieber tot sein, als erleben müssen, dass eines seiner Kinder dieser Ketzerei verfalle", so sagte er.

Schon am 12. März 1523 erließ er ein Patent (Gesetz), gerichtet an alle Untertanen und Obrigkeiten in seinen Ländern. Mit Verweis auf das Wormser Edikt von 1521 wurden sie aufgefordert alle lutherischen Schriften zu vernichten. Im Jahr darauf befahl er, dass die Beschlüsse des "Regensburger Tages", nämlich die Vernichtung der reformatorischen Bewegung auch in seinem Reich durchgeführt werden sollen.

Im großen Patent von 1527 wurden erstmals die ketzerischen Lehren namentlich angeführt und dabei die lutherische Reformation mit allen möglichen anderen, auch täuferischen und schwärmerischen Strömungen in einen Topf geworfen und pauschal verurteilt. Allen, die diese Patente betrafen, wurden strenge Strafen angedroht, wenn sie nicht bei dem "alten unangezweifelten christlichen Glauben, bei den Ordnungen und Satzungen von der Heiligen Christlichen Kirche, wie sie von den Vorfahren viele hundert Jahre überliefert worden sind, beständig blieben." Offensichtlich wurden diese Patente von den verschiedenen Obrigkeiten nicht streng durchgeführt und blieben somit eher wirkungslos. Der Kaiser benötigte für den Türkenkrieg Geld und Soldaten von den Evangelischen Ständen und Herren. Diese waren aber nur unter der Bedingung dazu bereit, wenn sie ihren Evangelischen Glauben leben und einen Prediger auf ihren Schlösser haben durften. Dort konnte auch die Bevölkerung an den Gottesdiensten teilnehmen. Daher hieß es damals sprichwörtlich "Der Türken Tück, das ist der Protestanten Glück".

Als derselbe Kaiser Ferdinand I 34 Jahre später mit einem Patent bezüglich der Pestkrankheit sich an sein Volk wandte, wurden nicht nur die Priester und Pfarrer, sondern auch die evangelischen Prädikanten aufgefordert dieses Mandat monatlich von der Kanzel zu verlesen.
Daraus ist abzulesen, dass die reformatorische Bewegung in den habsburgischen Ländern weithin Fuß gefasst hatte.

Das erste schriftliche Dokument von den religiösen Neuerungen in Oberösterreich stammt aus Steyr - datiert 1520.
In Steyr sollte ein Prediger des Franziskanerordens abgezogen werden. Der Stadtrat setzte sich für seinen Verbleib ein, denn "er sei ein geschickter Prediger, der den Durst nach dem reinen Wort Gottes ohne menschlichen Zusatz" erfülle.

Schon 1520 sind die protestantischen ständischen Abgeordneten unseres Landes in Augsburg, 1521 weilt Cyriak von Pollheim als Landeshauptmann bei der Kaiserkrönung von Karl V in Aachen. Sie sind Zeugen des allgemeinen religiösen Aufbruchs. Wolfgang Jörger, der vor Cyriak von Pollheim Landeshauptmann war, hatte freundschaftliche Beziehungen zum sächsischen Hof geschlossen und war evangelisch gesinnt. Er sandte seinen Sohn zum Studium nach Torgau in Sachsen. Er und sein Begleiter schworen sich bei der Abreise bei dem "Päpstlichen Glauben" zu bleiben. Es kam anders. 100 Jahre lang waren die Jörger bis zu ihrer Vertreibung, Vertreter der reformatorischen Lehre. 28 Briefe sind bekannt, die Luther nach Oberösterreich an verschiedene Personen schrieb. Einige Briefe waren an Dorothea Jörger gerichtet.
Dorothea Jörger erbat auch 1525 den ersten Evangelischen Pfarrer, Michael Stiefel nach Oberösterreich auf ihr Schloss Tollet (bei Grieskirchen).

Ebenso Anhänger der Reformatorischen Lehre waren das Geschlecht der Tschernembel in Steyregg, die Pollheimer in Puchheim und Schloss Puchberg bei Wels, die Khevenhueller in Kogl, St. Georgen, Kammer und Frankenburg, ein Zweig davon in Kärnten, Hochosterwitz, die Starhemberger in Eferding. Etliche oder nur ein Zweig dieser Herrschaftsfamilien sind später (nach 1620) wieder zur katholischen Kirche konvertiert, auch um im Besitz ihrer Güter bleiben zu können oder als überzeugte Konvertiten um so heftiger dann die Evangelischen zu verfolgen.

Aber, und das ist das Besondere in unserem Land, die Reformation war eine Bewegung von unten, eine Volksbewegung. Studenten, Handwerker auf der Walz, Kaufleute mit Büchern und viele andere Reisende erfuhren in Deutschland von Luthers Lehre und brachten reformatorisches Schrifttum in unser Land. So war das gedruckte Wort von großer Bedeutung, allem voran die von Luther ins Deutsche übersetzte Bibel (1522 Neues Testament, 1534 gesamte Bibel). Die persönliche Andacht und Bibellektüre brachte eine neue Form der Erbauungsliteratur, die Gebet- und Predigtbücher.

Es gab in Oberösterreich keine Obrigkeit die zur "Neuen Lehre", die doch die alte biblische war, zwang. Es gab keine herumziehenden, faszinierenden Prediger.
Die Botschaft vom gnädigen Gott, der selbst für uns eintritt und uns ihm recht macht fiel auf fruchtbaren Boden. Bisher war die christliche Verkündigung meist Drohbotschaft und nun diese Frohbotschaft. Bisher, auch anfangs bei Luther, war meist Angst vor Hölle und Teufel das Motiv gläubig zu sein, ins Kloster zu gehen bzw. durch Ablässe und Spenden sich Verdienste für den Himmel zu schaffen, um so ein Leben bei Gott auch nach dem Tod zu haben.

Im Unterschied zu heute herrschte eine allgemeine Religiosität. Man wollte eine enge Gottesbeziehung haben. Aber die damalige Gestalt der Römisch Katholischen Kirche und der Priester war, auch nach dem Urteil heutiger Katholischer Kirchengeschichtswissenschafter, zutiefst reformbedürftig.
So dachten viele, das sei nun der neue Weg der katholischen Kirche, den Luther aufgezeigt hat, der wohl eine Reform der Kirche hin zu den biblischen Wurzeln, aber keine Kirchentrennung wollte und beabsichtigte. So studierten z.B. der Neffe das Propstes von St. Florian und andere Mönche in Wittenberg bei Luther, wie schon vorher der katholische Kaplan Leonhard Kaiser aus Waizenkirchen und der Priester Conrad Hertz, später "Cordatus" genannt aus Sipbachzell. Viele Priester wurden evangelisch, haben geheiratet und blieben auf ihren Pfarrstellen.

Auch aus Deutschland kamen viele Prediger, einer von ihnen, Sebastian Pfauser, war sogar durch einige Zeit Hofprediger bei Erzherzog Maximilian, dem späteren Kaiser. Dieser Kaiser war persönlich der Reformation zugeneigt. In der Zeit seiner Herrschaft war dann auch die Blütezeit des Protestantismus in Österreich, die insgesamt 100 Jahre währte.

In manchen Orten, wie z. B. Freistadt und Vöcklabruck wirkten 30 Jahre hindurch ein katholischer und ein evangelischer Seelsorger gemeinsam an einer Pfarrstelle. Den evangelischen Prediger bezahlte die Bürgergemeinde, den katholischen das Stift bzw. die Diözese Passau, zu der Oberösterreich bis 1783 gehörte. Jeder Christ konnte so nach seiner gewünschten Weise den Glauben leben und sich betreuen lassen. Ein frühes Zeichen von Ökumene und friedlichem Zusammenleben.
So waren in Oberösterreich rund 100 Jahre quer durch alle Bevölkerungsschichten 80 bis 90% evangelisch.

Diese Verhältnisse in der religiösen Landschaft änderten sich schlagartig, als im Zuge des Dreißigjährigen Krieges es zur "Schlacht am Weißen Berg" bei Prag kam. Das katholische Lager, die Liga stand dem protestantischen, der Union gegenüber. Die Protestanten verloren diese Schlacht.

Die Evangelischen Herren und Ritter in der Monarchie standen vor der Alternative zur katholischen Kirche zu konvertieren oder das Land zu verlassen.

Das Abkommen von 1555, der so genannte "Augsburger Religionsfriede" zeigte nun seine harte Seite. Damals waren die Landesherren und freien Städte einverstanden mit der Regelung "Cuius regio, eius religio" - der Landesherr bestimmte die Religion. Hauptsache den Herrschern ging es gut und sie hatten ihren Willen. Das Gewissen und die Überzeugung der Untertanen spielte keine Rolle.

Der in Spanien streng katholisch erzogene Kaiser Ferdinand II setzte nun den römisch-katholischen Glauben mit allen Mitteln streng durch. In seinem "Reformationspatent" vom Oktober 1624 verfügte er, dass evangelische Prediger und Lehrer innerhalb von 8 Tagen das Land zu verlassen haben. Die Bürger mussten innerhalb von einem halben Jahr sich entscheiden, ob sie wieder katholisch werden oder das Land verlassen. Wobei die Auswanderung mit hohen Abgaben verbunden war. Haus und Besitz fanden bei dem Überangebot kaum entsprechende Käufer die den gerechten Preis zahlten. Die meisten leibeigenen Bauern durften und konnten nicht offiziell auswandern. Sie erhoben sich gegen diese Gewissensnot im Bauernkrieg. Unter der Führung von Stefan Fadinger aus St. Agatha. Im Unterschied zu früheren Bauernkriegen, auch dem großen von 1525 in Deutschland, ging es bei diesem Krieg vor allem um die freie Religionsausübung und Gewissensfreiheit.

Mein Vater Pfarrer Karl Eichmeyer und andere betonen in ihren Arbeiten zu dieser Zeit und diesem Thema: "Oberösterreich ist das einzige österreichische Land, in dem ein Bauernvolk zu den Waffen greift, um seinen lutherischen Glauben zu verteidigen" Allerdings haben die in der Wut und dem Rausch der Kampfhandlungen auch geschehenen Plünderungen, Ermordungen von einigen Priestern und die Vernichtung von Stift Schlägel nichts mehr mit der Liebe zum Wort Gottes zu tun.

Nach der Auswanderung von rund 100.000 evangelischen Oberösterreichern und der Niederschlagung der Bauernkriege mit an die 12.000 Toten schien alles evangelische Leben 160 Jahre lang ausgelöscht zu sein. Die wirtschaftliche Lage war katastrophal, Städte wie Steyr, Wels, Vöcklabruck waren halb leer. Die Evangelischen, die nicht wirklich wieder katholisch wurden, aber doch im Land blieben, pflegten ihren Glauben im Verborgenen. Nicht gefundene oder wieder neu heimlich eingeschmuggelte Bibeln, Predigtbücher und sonstige evangelische Erbauungsbücher wurden gelesen, während man sich nach außen katholisch gab und die Messen besuchte.

Selbst nach über 100 Jahren Verbotszeit wurde bis zum Kaiser hinauf von kirchlichen und staatlichen Stellen gemeldet, es gäbe immer noch viele Geheimprotestanten. Besonders viele gab es noch hier im "Ländlein ob der Enns" - so wurden damals die Bezirke Wels, hinunter bis zur Donau, Vöcklabruck, Kirchdorf und Gmunden hinein bis zum Dachstein bezeichnet.

Von etlichen wussten der katholische Pfarrer und viele im Ort, wer evangelisch gesinnt war und wo diese wohnten. Missionsstationen wurden eingerichtet zur Bekehrung der Protestanten, so auch im Kloster Traunkirchen. Bei Hausdurchsuchungen nach Büchern wurde man immer noch fündig, Glaubensverhöre wurden durchgeführt und Gefängnis angedroht. Die Frau von Kaiser Karl VI, Elisabeth Christine, Tochter des Herzog Rudolfs von Braunschweig-Wolfenbüttel war evangelisch getauft und musste (Heirat 1708) konvertieren. So sollten auch alle Untertanen von Karl VI seines Glaubens sein. Doch nun wollte man nicht, wie vor 100 Jahren, die Protestanten als Steuerzahler und tüchtige Wirtschaftstreibende verlieren:

Sie wurden zwischen 1734 bis 1757 in die südöstlichste Ecke der Monarchie, nach Siebenbürgen in 17 Schiffstransporten zwangsdeportiert, beschönigend nannte man es "transmigriert". In seinem Buch "Evangelisch in Oberösterreich" nennt Dr. Temmel 2042 Personen aus Oberösterreich. Mit den Kärntnern und Steirern, die man später ebenso unter der Bezeichnung "Landler" führte, waren es geschätzte 5000 aus unserem Land. 25% der Erstauswanderer starben nach ca. 1 ½ Jahren. Sie hatten den Klimawechsel nicht vertragen. Auch das Heimweh trug dazu bei.

Unter Maria Theresia, die diese Aktionen fortführte, ging es noch brutaler zu. Die Kinder unter 14 wurden grundsätzlich von den Eltern genommen und in Konvertierungshäuser zur Umerziehung gegeben, bei uns in das Kloster Kremsmünster.
Im "Wilderermuseum" in St. Pankraz ist unter dem Titel "Verbannung der Wilderer" im dazugehörigen Text zu lesen, dass unter Maria Theresia mit den Wilderern auch die "Huren und Protestanten" des Landes verwiesen wurden……
Als Maria Theresia 1777 in Mähren neuerlich die Deportationen von 10.000 zum Evangelischen Glauben Übergetretenen durchführen wollte, protestierte ihr Sohn Josef II dagegen und drohte die Erbfolge nicht anzutreten, wenn das gegen seine Grundsätze und gegen seine Einstellung so weitergehe.

Damit sind wir bei jenem Mann, der schon in seinem ersten Regierungsjahr das Toleranzpatent für die Kirchen Evangelisch A.B. (Abkürzung für das in Augsburg1530 vor Kaiser und Reich vorgelegte Bekenntnis der Wittenberger Reformatoren. Luther wollte nicht, dass sich eine Kirche nach seinem Namen nennt) und H.B. ("Helvetisches Bekenntnis" nach den Schweizer Reformatoren Zwingli und Calvin) sowie für die nicht mit Rom unierten Griechen erließ.

Wer war dieser Josef II ?
Ein Biograf berichtet: "Josef sei schon als Kind stolz und hochmütig gewesen. Er sagte zu allen Menschen Du" Sein Vater, Kaiser Franz I, bemühte sich mit Strenge ihm die hochmütige Denkungsweise zu nehmen, aber Josef ließ sich lieber einsperren und zum Fasten verurteilen, als um Verzeihung zu bitten. Josef wurde nicht, wie viele Kaiser vor ihm, von den Jesuiten, sondern von einem liberal und aufgeklärt denkenden Freiherrn Johann Christoph von Bartenstein, Sohn eines evangelischen Professors, der später konvertierte, erzogen. Er fühlte sich dem Reformkatholizismus verbunden und lernte auf seinen Reisen den "Jansenismus" kennen, genannt nach Cornelius Jansen, *1585, einem holländischen Theologen.

Wie Luther war dieser von der Gnadenlehre Augustins geprägt, lebte Frömmigkeit in strenger Form und betonte, dass Gewissensfreiheit über jeglicher Machtwillkür stehen müsse. Wie Luther wurde Jansen von den Jesuiten verfolgt und seine Lehre vom Papst mehrmals verurteilt. (Freiherr Johann Christoph von Bartenstein war ein weitschichtig Verwandter des derzeitigen evangelischen Ministers Dr. Martin Bartenstein, so steht es in dessen Homepage).

Diese Erziehung vermittelte Josef den hohen Stellenwert von Freiheit und Gleichheit der Menschen. Daraus ergibt sich seine distanzierte ja fast feindliche Einstellung gegen die priveligierten Stände, gegen den Adel und den Klerus, die in der Barockzeit die Stützen der Monarchie waren. Aus den Doktrinen des Naturrechts ergab sich Josefs Toleranz gegen Andersgläubige. So sagte er einmal: "Der Begriff Intoleranz soll in meinem Reich nur durch die Verachtung, die ich dafür habe, bekannt sein."

Die Einleitung des Toleranzediktes lautet wörtlich:

"Überzeugt, einerseits von der Schädlichkeit alles Gewissenszwanges, und andererseits von dem großen Nutzen, der für die Religion und den Staat aus einer wahren christlichen Toleranz entspringt, haben wir uns bewogen gefunden, den augsburgischen und helvetischen Religions-Verwandten, dann den nicht unierten Griechen ein ihrer Religion gemäßes Privat-Exerzitium allenthalben zu gestatten.- Der katholischen Religion aber soll allein der Vorzug des öffentlichen Religions-Exercitie verbleiben"

Die Bezeichnung "Lutheraner" und "Reformierte" wurde bewusst vermieden. Sie und die Anhänger der Orthodoxie wurden unter den Begriff "Akatholiken" zusammengefasst. Sie erhielten nun eingeschränkte bürgerliche Rechte, freilich noch lange keine rechtliche Gleichstellung. Aber der Fortschritt war spürbar.

Bisher durfte in den meisten Gebieten ein evangelischer Christ weder offiziell heiraten noch einen Beruf ergreifen, noch Grundbesitz erwerben. Nun aber durfte man an Orten, wo sich 500 Seelen oder 100 Familien zum Evangelischen Glauben bekannten, eine Evangelische Gemeinde gründen. Nach 160 Jahren strenger Verbotszeit war kaum anzunehmen, dass sich irgendwo so viele Menschen an einem Ort und dessen Umkreis zu diesem Glauben bekennen. Erlaubt wurde, eigene Schulen und Bethäuser auf eigene Kosten zu errichtet, Pastoren und Lehrer anzustellen.

Die Bethäuser sollten nicht wie Kirchen aussehen, d.h. sie durften keinen Turm, keine Glocken und keine Rundbogen-Fenster haben. Auch durften sie nicht an der Hauptstraße errichtet werden, sondern 50 Meter zurückversetzt.

Die dominante Katholische Kirche sollte in keiner Weise hier eine echte Konkurrenz erhalten. Die katholischen Pfarrer waren amtlich für alle Amtshandlungen und Matrikeneintragungen zuständig und mussten auch bezahlt werden, auch wenn der evangelische Pfarrer amtshandelte. Auch mussten die Evangelischen die katholischen Lehrer mitbezahlen, selbst wenn sie einen eigenen evangelischen Lehrer hatten und diesen ebenso besoldeten. Diese Doppelbelastungen sollten der Abschreckung dienen. Um der dominanten Religion ihren Stand zu sichern, mussten bei Mischehen drei Viertel der Kinder katholisch getauft und erzogen werden. War der Vater Katholik mussten alle Kinder katholischen werden, war der Vater evangelisch, durften nur die Söhne evangelisch werden. Der Historiker Dr. Peter Barton schreibt: "In den Großstadtgemeinden wie Wien, wo die konfessionsverschiedenen Ehen häufig und oft der Regelfall waren, war nach zwei Generationen ein dem wilden Westen vergleichbares Dominieren des männlichen Elementes bei den evangelischen Gottesdienst festzustellen."
Das hat sich ja inzwischen kräftig verändert.

Als das Toleranzpaten am 13. Oktober 1781 erlassen wurde, wurde es von manchen Stellen gar nicht weitergegeben und verschwiegen. So haben zum Beispiel in Wallern an der Trattnach, die von dort nach Regensburg ausgewanderten Brüder Malzner in der "Regensburger Zeitung" von der Toleranz gelesen. Mit dem Zeitungsblatt reiste Michael Malzner sofort in die Heimat. Dort wusste man noch nichts davon. Der Pfleger von Freiling musste die Meldung bestätigen.
Aber auch dort, wo das Patent verlautbart wurde, trauten viele ihm nicht. Zu oft schon wurde mit solchen Ankündigungen eine Falle gestellt, damit die Geheimprotestanten sich melden und dann dementsprechend bestraft und des Landes verwiesen werden könnten. So ist auch die Vorsicht der Gosauer Männer zu verstehen, die sich zunächst nicht meldeten, bis Brigitta Wallner sie mit ihrem mutigen Bekenntnis beschämte und es wagte als "evangelisch" sich einschreiben zu lassen. Dann unterschrieben auch die Männer. So ist Gosau bis heute der einzige Ort in Oberösterreich, der zu 80 % evangelisch ist.

Dass sich in den Erblanden bis über 100.000 Menschen, die bis dahin als katholisch gegolten hatten, zum evangelischen Glauben bekannten, hat selbst Kaiser Josef II überrascht. In Oberösterreich waren es ca. 11.000, die sich in 9 Toleranzgemeinden zusammen schlossen, bezeichnenderweise vor allem in einsamen Landgemeinden, wo die Überwachung nicht so streng durchgeführt werden konnte. Nur Wels scheint unter diesen neun als Stadt auf. Dort sollen die Bürgermeister eher mild gewesen sein. Die weiteren 8 Toleranzgemeinden in Oberösterreich sind: Thening, Scharten, Eferding, Wallern, Neukematen, Goisern, Gosau und schließlich Rutzenmoos.

Das war mit ein Grund an diesem Ort ein Evangelisches Museum zu errichten. Josef II verfügte in anbetracht dieser großen Übertrittswelle, dass ab Jänner 1783 keine formlosen Übertritte mehr möglich sein sollten. Wer dennoch nach dem 21. Februar 1783 zu einer tolerierten Religion wechseln wollte, musste zuvor beim katholischen Pfarrer des Ortes einen sechswöchigen Unterricht absolvieren um durch den katholischen Seelsorger aufgeklärt und umgestimmt zu werden. Wir haben in unserem Museum ein Buch zur Anweisung für diesen Unterricht.

Gerne erzähle ich bei einer Führung an dieser Stelle, die Geschichte von meinem Ur-ur-Großvaters Michael Begsteiger, Messerschmied in Sierning. Er hat in der Bibel viel gelesen und wollte evangelisch werden. Der katholische Pfarrer verwies auf den sechs-wöchigen vorherigen Unterricht durch ihn. Mein Vorfahre wusste darum und war damit einverstanden. Darauf hin meinte der Pfarrer. "Gewiss, da steht sechs Wochen, aber es steht nicht da, dass das hintereinander sein muss. Also jetzt eine Woche, dann in 5 Jahren eine und dann in 10 Jahren und so weiter. Sie können weit über 100 werden, aber die Sauerei passiert mir nicht, dass ein Sierninger lutherisch wird".

Michael Begsteiger ist darauf hin nach Teschen in Schlesien gewandert, wurde dort evangelisch und empfing das Heilige Mahl unter beiderlei Gestalt, Brot und Wein, was ihm sehr wichtig war. Nach seiner Rückkehr wurde er wegen Umgehung der österreichischen Bestimmungen beim Religionswechsel verhaftet und sechs Wochen inhaftiert.

Verständlicherweise hat das Toleranzpatent Josef II bei vielen katholischen Geistlichen Missfallen gefunden, doch hat die kirchliche Obrigkeit maßvoll reagiert und manche Überreaktionen zurückgewiesen.
1783 - übrigens ist das auch das gleiche Jahr in dem die "Evangelische Superintendentur Oberösterreich" errichtet wurde - beklagte sich der erste katholische Linzer Bischof Herberstein zwar über manche Abwerbungen der Protestanten und Schmähschriften, die die katholische Religion verunglimpfen, sein erster Hirtenbrief aber atmete den Geist der Toleranz in dem er aufrief: "Enthaltet euch auf der Kanzel von allen Reden, die eure Zuhörer oder die Anverwandten einer fremden Religion beleidigen könnten. Es soll nicht das Evangelium, dieses Wort des Friedens und der Versöhnung, in eurem Munde ein Werkzeug der Uneinigkeit und des Streites werden."

Man kann also sagen, das war schon damals in Oberösterreich der Anfang eines guten und friedlichen Zusammenlebens der beiden christlichen Religionen, die ich gemeinsam mit Bischof Aichern und vielen anderen katholischen Geistlichen15 Jahre lang besonders beglückend erfahren durfte.

Josef II wurde mit seinem Toleranzpatent, trotz aller Einschränkungen in den Evangelischen Gemeinde hochgepriesen und geschätzt und in so manchen Kirchen wurde als Zeichen seiner Wertschätzung auch sein Bild aufgehängt.

Bis zur völligen Gleichstellung mit der katholischen Kirche dauerte es freilich noch 180 Jahre. In dem Revolutionsjahr 1848 und 1849 wurden viele Einschränkungen wie das Turmverbot aufgelassen. 1861 erfolgte das "Protestantenpatent" von Kaiser Franz Josef I mit der Einführung unserer Kirchenordnung, die als ein synodal-presbyteriales System auf demokratischer Basis erlaubt wurde. Es wurde die Gleichberechtigung der evangelischen Bürger mit den katholischen, nicht jedoch die Gleichberechtigung der Kirchen ausgesprochen. Die beiden evangelischen Kirchen waren nicht völlig autonom, sondern weiterhin abhängig von landesfürstlichen Ernennungs- und Bestätigungsrecht.

Erst mit dem "Protestantengesetz" von 1961 erhielten die Evangelischen Kirchen A.B und H.B. die völlige Gleichberechtigung, auch mit der Römisch-Katholischen Kirche. Es ist dies ein Gesetz mit Verfassungsrang, das nur mit 2/3 Mehrheit des Nationalrates geändert werden kann. Auf der Festsitzung der Synode 1981 mit Teilnahme von Kardinal Dr. Franz König und Bundespräsident Dr. Rudolf Kirchschläger wurde von Präsident Kirchschläger betont, dass "die evangelischen Österreicher ein unverzichtbarer Teil des Ganzen seien". Diese Entwicklung hat mit dem Toleranzpatent vor 225 Jahren begonnen.
Hieß es lange Jahre "Glaube oder Heimat", so dürfen wir dankbar feststellen, auch für uns Evangelische gilt nun, "Glaube und Heimat" in diesem schönen Österreich und Oberösterreich.

---------------------------------------------------

Verwendete Literatur:
1 Neumann I., "Steyr und die Glaubenskämpfe", Steyr 1952, S 14ff

2 Temmel L. "Evangelisch in OÖ.", Linz 1982 S 12,

3 Studien und Texte zur Kirchengeschicht und Geschichte Band VIII "Im Zeichen der Toleranz" Peter F. Barton In diesem Band: Prof. Karl Eichmeyer: "Oberösterreichische Toleranzgemeinden in der josephineschen Zeit"

4 Studien und Texte zur Kirchengeschichte und Geschichte Band XI "Evangelisch in Österreich" Peter F.Barton. 1987

5 Hans Magenschab, "Josef II, Österreichs Weg in die Moderne", 2006

6 Rudolf Zinnhobler "Kirche in Oberösterreich" Bände 3 und 4, 1995

7 "Die Evangelische Kirche in Österreich" 1962, Herausgeber: Bischof D.Gerhard May

Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü